German
Der Beitrag verfolgt die Entwicklung des Begriffs der „zweiten Naivität" im Werk Paul Ricœurs, dessen zentrale Belegstellen sich auf wenige Seiten in "Symbolik des Bösen" und "Die Interpretation" konzentrieren. Während die „erste Naivität" ein vorkritisches, unmittelbares Leben in der Welt der Mythen und Symbole bezeichnet, das durch die entmythologisierende Kritik der Moderne unwiederbringlich verloren ist, eröffnet der Durchgang durch diese Kritik die Möglichkeit einer „zweiten" Naivität: einer hermeneutisch vermittelten, nachkritischen Wiederaneignung der religiösen Symbole. In "Symbolik des Bösen" erscheint diese zweite Naivität noch als relativ stabiles Ergebnis eines Prozesses der Entmythologisierung, während sie in "Die Interpretation", im Kontext der Freud-Rezeption und des „Konflikts der Interpretationen" zwischen Sinn-Hermeneutik und Verdachtshermeneutik, stärker als fragiles, stets nur vorläufig erreichbares Ziel einer dialektischen Symbollektüre gefasst wird. Ricœur selbst betont, dass es sich dabei nicht um religiösen Glauben im engeren Sinn, sondern um eine philosophische „Wiederholung" religiöser Symbolik in Imagination und Sympathie handelt – eine Abgrenzung, die in der Forschung dennoch als nicht immer trennscharf diskutiert wurde. Der Beitrag schließt mit einem Überblick über die breite Rezeption des Konzepts in der religionsbezogenen Forschung, insbesondere in der biblischen Exegese, der systematischen Theologie sowie in einflussreichen religionspsychologischen Stufenmodellen der Glaubensentwicklung (Fowler, Wulff, Hutsebaut).
Faculty
Faculté de théologie
Department
Département des Sciences de la foi et des religions, Philosophie