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Postsäkularität als Leitperspektive theologischer Sozialethik. : Empirische Befunde, hermeneutische Zugänge, interreligiöse Perspektiven

BHT

  • 2019
Published in:
  • Fundamente theologischer Ethik in postkonfessioneller Zeit. Beiträge zu einer Grundlagendiskussion / D. Bogner & M. Zimmermann (Hrsg.). - 2019, p. 313-341
German Die Entstehung der theologischen Sozialethik als wissenschaftlicher Disziplin im 19. und 20. Jahrhundert kann als Säkularisierungsschub verstanden werden: Neben der Sozialen Frage und verschiedenen Strategien für ihre Bewältigung spielten eine empirische Wahrnehmung des Sozialen und die Auseinandersetzung mit der Frage der Menschenrechte eine zentrale Rolle. Zunächst prägte das neuscholastische Naturrecht die theologische Sozialethik, später die Auseinandersetzung mit den Wirtschaftswissenschaften, der politischen Philosophie und anderen Disziplinen. Damit trug die Sozialethik der Anforderung der Moderne Rechnung, Normen im Angesicht gesellschaftlicher Rahmenbedingung und ihrer Erschließung durch verschiedene Disziplinen diskursiv auszuhandeln. Auf diese Weise wurde die Sozialethik einerseits kommunikations- und modernefähig, trug andererseits aber selbst zu ihrer eigenen Säkularisierung bei.
Verschiedene Debatten der letzten Jahrzehnte über den Stellenwert von Religion versetzen die theologische Sozialethik heute in einen neuen Gesprächskontext. Statt vom Verschwinden der Religion ist von ihrer Wiederkehr die Rede, die in der öffentlichen Sichtbarkeit des Islams einen greifbaren Ausdruck findet. Diese Diskussion ist grundsätzlich wie hinsichtlich des Islams kontrovers und nicht selten polarisiert: So fungiert etwa die Unvereinbarkeit von Islam und Säkularität als ein Topos islamistischer Abgrenzungen gegenüber dem Westen und ist zugleich ein zentrales Argument westlicher Islamkritik. Säkularisierung wird dann als «Privileg der christlichen Religionsgeschichte» verstanden. In kritischer Auseinandersetzung mit dieser Position wird Säkularisierung als «Basisnarrativ» und «eine(r) der Gründungsmythen zeitgenössischer europäischer Identität» dekonstruiert und als geeignete sozialwissenschaftliche Kategorie überhaupt in Frage gestellt. Auf der anderen Seite fungiert Religion nach Ende des Ost-West-Konflikts wieder als Deutungskategorie für politische Auseinandersetzungen. Es kommt zu einem regelrechten «religious turn in der Einwanderungsdebatte». Gesellschaftliche Konflikte und Transformationen wie etwa der Integrationsprozess von «Muslimen» werden in der Folge primär anhand von Religion gedeutet. «Der Islam» spielt dabei eine zentrale Rolle für die gesellschaftliche Identitätsfindung, die oft mittels Abgrenzung geschieht.
In diesem Zusammenhang steht auch eine neue Diskussion über den theologischen Charakter der Sozialethik, in welcher der Begriff «postsäkular» eine zentrale Rolle spielt. Angesichts fortdauernder Auseinandersetzungen um Säkularisierung und mögliche Gegentrends handelt es sich hierbei um ein strittiges Feld. Was ist unter Postsäkularität zu verstehen und welche Auswirkungen hat dieses Phänomen auf die theologische Sozialethik? Was bedeutet Postsäkularität konkret für die theologische und die interreligiöse Ausrichtung der theologischen Sozialethik? Wie lässt sich Postsäkularität als Leitperspektive theologischer Sozialethik methodisch umsetzen?
Der vorliegende Beitrag ist wie folgt strukturiert: Ausgehend von einigen Eckpunkten der Diskussion um Postsäkularität (1.) geht es zunächst um empirische Befunde und deren Deutung (2.) sowie anschließend um Postsäkularität als normativen Begriff, mit dem sich das Verhältnis von Religion und Säkularität neu gestalten lässt (3.). Daran anknüpfend wird die Denkfigur «Zeichen der Zeit», die für die theologische Sozialethik seit mehreren Jahrzehnten eine wichtige hermeneutische und programmatische Funktion innehat, im Rahmen von Postsäkularität interpretiert und als sozialethisches Paradigma entfaltet (4.). Es folgt ein Ausblick auf interreligiöse Perspektiven, die in einem postsäkularen Kontext ein unverzichtbares Element sozialethischer Reflexionen darstellen (5.). Am Ende steht ein kurzes Fazit (6.).
Faculty
Rectorat
Department
Centre Suisse Islam et Société
Language
  • German
Classification
Religion, theology
License
License undefined
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green
Persistent URL
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