Journal article

Biestmilch, Schafspferche und Schamanen : Überlegungen zur Verwendung whorfoiden Gedankenguts im Diskurs über sprachliche Diversität

    2013
Published in:
  • Zeitschrift für Semiotik / Thiering, Martin. - Stauffenburg. - 2013, vol. 34, no. 1, p. 85-107
English German Summary. The article discusses the discursive use of ideas related to language and thought in the context of texts advocating linguistic diversity. Drawing on examples from a variety of texts on the matter, it shows how arguments that can be associated with Whorfian ideas in the broadest sense of the term are used to complement an identity- oriented, romantic construal of small or ‘threatened’ languages by an instrumental, ratio- nalist component. On the basis of the assumption that they determine particular views of the world, words and languages are deemed to store valuable (or invaluable) cultur- al and other information and therefore seem to need preservation. Tensions and prob- lems with this use of Whorfoid arguments are discussed. Most importantly, there is a tendency towards the assumption of a deterministic effect of language on thought, which is scientifically obsolete. Furthermore, many authors subscribe to an essentializing view of language instead of a theoretically more appropriate view of languages as phenom- ena emerging in social and cultural practices. Finally, there is a problem of coherence in that Whorfianism, if used as an argument for linguistic diversity, is not suitable when advocating bilingualism, since psycholinguistic studies systematically show that bilin- gualism cancels or attenuates Whorfian effects of the first language(s) in the bilingual mind. Zusammenfassung. In diesem Artikel werden Beispiele aus dem sprachenpolitischen Diskurs zur Rettung der sprachlichen Diversität diskutiert. Der besondere Fokus liegt dabei auf der diskursiven Verwendung von als unbestritten präsentierten ‚Theorien‘ über den Zusammenhang von Sprache und Denken. Verschiedene Texte zum Thema wer- den analysiert, und es wird gezeigt, dass whorfoides Gedankengut im weitesten Sinne herangezogen wird, um dem eher identitätsorientierten und romantischen Diskurs zu Sprachminderheiten und ‚kleinen‘ Sprachen eine rationalistische, instrumentelle Kom- ponente zur Seite zu stellen: Da Wörter und Sprachen für eine jeweils einzigartige Welt- sicht stehen, sind sie wertvolle Informationsspeicher und scheinen deshalb zum Wohle der Menschheit erhalten bleiben zu müssen. Spannungen und Probleme, die sich aus diesen Prämissen ergeben, werden diskutiert. Erstens zeigt sich, dass viele Autoren eine deterministische Sicht des Effekts von Sprache auf das Denken haben, die wis- senschaftlich obsolet ist. Zweitens wird Sprache in den Texten zu einer Art Wesen hypo- stasiert und essenzialisiert, statt dass sie als emergentes Phänomen verstanden wird, das sich im Zusammenspiel mit anderen sozialen und kulturellen Praktiken dynamisch entwickelt und anpasst. Drittens stellt sich ein fundamentales Kohärenzproblem, denn viele Diversitäts-Anwälte setzen sich gleichzeitig für großflächige individuelle Zwei- und Mehrsprachigkeit ein, doch hat die psycholinguistische Forschung gezeigt, dass Zwei- sprachigkeit allfällig präsente subtile whorfianische Effekte der jeweiligen Erstsprache(n) entweder ganz oder teilweise aufhebt.
Faculty
Faculté des lettres
Department
Département de plurilinguisme et didactique des langues étrangères
Language
  • German
Classification
Language, linguistics
License
License undefined
Identifiers
  • RERO DOC 234763
Persistent URL
https://folia.unifr.ch/unifr/documents/304130
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